Hafer fürs Pferd: Sorten, Verarbeitung & der Mythos vom „wilden Pferd“
Kaum ein Futtermittel wird in der Pferdefütterung so kontrovers diskutiert wie Hafer. Während er für viele Pferdehalter zum klassischen Futtertrog dazugehört, verzichten andere lieber darauf – häufig aus Sorge, das eigene Pferd könnte dadurch besonders temperamentvoll werden.
Doch macht Hafer Pferde tatsächlich wild? Und worin unterscheiden sich eigentlich Gelbhafer, Schwarzhafer und Grünhafer? Dazu kommen verschiedene Verarbeitungsformen wie ganzer Hafer, gequetschter Hafer oder Haferflocken.
In diesem Ratgeber erfährst du, welche Unterschiede es gibt, welche Form sich für welches Pferd eignet und warum Hafer deutlich besser ist als sein Ruf.
Hafer in der Pferdefütterung: besser als sein Ruf
Hafer ist ein traditionelles Pferdefutter und gehört seit vielen Jahren zu den bekanntesten Getreidesorten im Futtertrog.
Er liefert Energie und lässt sich unkompliziert in eine bedarfsgerechte Ration integrieren. Trotzdem genießt Hafer teilweise einen schlechten Ruf. Besonders hartnäckig hält sich die Vorstellung, dass Pferde durch ihn automatisch nervös, hektisch oder „wild“ werden.
Ganz so einfach ist es jedoch nicht.
Ob Hafer zum Pferd passt, hängt vor allem davon ab, wie viel Energie das Pferd tatsächlich benötigt. Haltung, Bewegung, Training und die gesamte Futterration spielen dabei eine wichtige Rolle.
Außerdem ist Hafer nicht gleich Hafer. Je nach Sorte, Erntezeitpunkt und Verarbeitung kann sich das Futtermittel deutlich unterscheiden.
Gelbhafer, Schwarzhafer & Grünhafer im Vergleich
Wer sich näher mit Hafer für Pferde beschäftigt, stößt schnell auf verschiedene Bezeichnungen. Besonders häufig werden Gelbhafer, Schwarzhafer und Grünhafer angeboten.
Gelbhafer: der Klassiker im Pferdetrog
Gelbhafer ist der klassische Vertreter und wird besonders häufig in der Pferdefütterung eingesetzt.
Entscheidend für seinen Energie- und Nährstoffgehalt ist unter anderem das sogenannte Hektolitergewicht.
Je höher dieses Gewicht ausfällt, desto gehaltvoller ist der Hafer in der Regel.
Das bedeutet auch: Zwei gleich große Portionen Hafer müssen nicht automatisch denselben Energiegehalt aufweisen.
Skandinavischer Hafer besitzt beispielsweise häufig ein höheres Hektolitergewicht als deutscher Hafer und kann dadurch entsprechend mehr Energie liefern.
Wer Hafer gezielt in die Ration integriert, sollte daher nicht nur nach Volumen oder Augenmaß füttern, sondern auch auf die Qualität des Hafers achten.
Schwarzhafer: optisch anders, energetisch ähnlich
Schwarzhafer fällt durch seine dunkle Färbung sofort auf.
Dadurch entsteht schnell der Eindruck, dass er sich auch bei Energie- und Nährstoffgehalt deutlich von anderen Hafersorten unterscheidet.
In der Praxis sind diese Unterschiede jedoch meist gering.
Der Energiegehalt von Schwarzhafer unterscheidet sich nur wenig von dem anderer klassischer Hafersorten. Für die Fütterung ist dieser Unterschied daher meist zu vernachlässigen.
Die Farbe allein sagt folglich wenig darüber aus, wie energiereich ein Hafer tatsächlich ist.
Grünhafer: weniger Stärke, mehr Rohfaser
Deutlich stärker unterscheidet sich Grünhafer.
Er wird bereits vor der vollständigen Stärkeeinlagerung in das Korn geerntet. Dadurch weist er andere Eigenschaften auf als klassischer reifer Hafer.
Grünhafer enthält:
- weniger Stärke,
- mehr Rohfaser,
- und ein günstigeres Calcium-Phosphor-Verhältnis.
Die exakten Werte können allerdings je nach Hersteller und Produkt schwanken.
Deshalb lohnt sich vor der Fütterung immer ein genauer Blick auf die jeweilige Deklaration.
Grünhafer wird zum Beispiel als Cobs oder Pellets angeboten. Je nach Produkt können diese eingeweicht verfüttert werden. Maßgeblich sind dabei immer die jeweiligen Fütterungsempfehlungen des Herstellers.
Ganzer, gequetschter oder gewalzter Hafer?
Neben der Hafersorte spielt auch die Verarbeitung eine Rolle.
Hafer kann unter anderem:
- ganz,
- gequetscht,
- gewalzt
- oder weiterverarbeitet
gefüttert werden.
Welche Form sich am besten eignet, hängt vor allem davon ab, wie gut das Pferd kauen kann.
Ganzer Hafer für Pferde
Für Pferde mit gesunden und funktionsfähigen Zähnen ist ganzer Hafer in der Regel problemlos geeignet.
Das Pferd zerkleinert das Korn beim Kauen selbst. Eine vorherige mechanische Bearbeitung ist deshalb nicht grundsätzlich notwendig.
Gequetschter oder gewalzter Hafer
Bei gequetschtem oder gewalztem Hafer wird das Korn bereits aufgebrochen.
Dadurch lässt es sich leichter kauen.
Das kann besonders für ältere Pferde oder Pferde mit Zahnproblemen interessant sein.
Der Vorteil bei der Verdaulichkeit ist jedoch geringer, als viele Pferdehalter vermuten. Durch das Quetschen verbessert sie sich lediglich um ungefähr drei Prozent.
Für ein Pferd mit guten Zähnen ist gequetschter Hafer daher nicht automatisch die bessere Wahl.
Entscheidend ist vielmehr, welche Form zum individuellen Pferd passt.
Haferflocken & Lagerung: Was ist zu beachten?
Noch leichter zu kauen als gequetschter oder gewalzter Hafer sind Haferflocken.
Durch ihre flache und weiche Struktur lassen sie sich besonders einfach aufnehmen und zerkleinern.
Sie können deshalb ebenfalls für ältere Pferde oder Pferde mit eingeschränkter Kautätigkeit interessant sein.
Für gesunde Pferde mit guten Zähnen besteht dagegen nicht automatisch ein Vorteil gegenüber ganzem Hafer.
Frisch gequetschten Hafer schnell verfüttern
Bei gequetschtem Hafer gibt es einen wichtigen Punkt bei der Lagerung zu beachten.
Durch das Quetschen wird die Oberfläche des Korns vergrößert. Dadurch kann der Hafer schneller verderben.
Frisch gequetschter Hafer sollte deshalb möglichst zeitnah verfüttert werden.
Wer Hafer länger lagern möchte, ist mit unversehrtem ganzen Hafer in dieser Hinsicht meist unkomplizierter unterwegs.
Macht Hafer Pferde wirklich wild?
Kaum ein Mythos hält sich in der Pferdefütterung so hartnäckig wie dieser:
„Hafer macht Pferde wild.“
Doch stimmt das wirklich?
Nein. Hafer macht ein Pferd nicht automatisch wild.
Er liefert in erster Linie Energie.
Bekommt ein Pferd mehr Energie, als es durch Bewegung, Training, Auslauf und Alltag verbrauchen kann, kann sich das im Verhalten bemerkbar machen.
Das Pferd kann beispielsweise:
- temperamentvoller,
- lebhafter
- oder unausgeglichener
wirken.
Der entscheidende Punkt ist jedoch: Dieser Effekt ist nicht speziell auf Hafer beschränkt.
Auch andere Getreidesorten, Öle und energiereiche Futtermittel liefern viele Kalorien.
Entscheidend ist daher nicht allein die Frage, ob Hafer gefüttert wird, sondern ob die gesamte Energiezufuhr zum tatsächlichen Bedarf des Pferdes passt.
Ein regelmäßig trainiertes Sportpferd benötigt eine andere Energiemenge als ein Pferd, das überwiegend auf Paddock oder Weide steht und nur leicht bewegt wird.
Die Fütterung sollte deshalb immer an Haltung, Bewegung und individuellen Bedarf angepasst werden.
Können Pferde allergisch auf Hafer reagieren?
Auch rund um das Thema Haferallergie beim Pferd gibt es einige hartnäckige Aussagen.
Eine davon lautet, dass bestimmte Pferderassen grundsätzlich empfindlicher auf Hafer reagieren würden.
Das stimmt so nicht.
Eine Haferallergie ist nicht rasseabhängig.
Ein Araber ist also beispielsweise nicht automatisch allergisch gegen Hafer.
Individuelle Reaktionen auf Futtermittel sind grundsätzlich möglich. Eine tatsächliche Allergie gegen Hafer kommt jedoch eher selten vor.
Deshalb sollte Hafer nicht allein aufgrund der Rasse grundsätzlich aus der Fütterung ausgeschlossen werden.
Viel sinnvoller ist es, die individuelle Ration und die Reaktion des jeweiligen Pferdes zu betrachten.
Fazit: Hafer kann ein unkompliziertes Energiefutter sein
Hafer ist deutlich besser als sein Ruf und kann für viele Pferde ein unkompliziertes Energiefutter darstellen.
Welcher Hafer am besten geeignet ist, hängt vom Pferd und der gesamten Ration ab.
Gelbhafer ist der klassische Vertreter, während Schwarzhafer sich beim Energiegehalt nur geringfügig unterscheidet. Grünhafer nimmt aufgrund seines früheren Erntezeitpunkts eine Sonderstellung ein und enthält weniger Stärke sowie mehr Rohfaser.
Auch die Verarbeitung sollte zum Pferd passen. Pferde mit gesunden Zähnen können ganzen Hafer problemlos kauen. Gequetschter oder gewalzter Hafer sowie Haferflocken können dagegen insbesondere für Pferde interessant sein, denen das Kauen schwerer fällt.
Und auch der bekannte Hafer-Mythos lässt sich relativieren: Nicht Hafer allein macht ein Pferd „wild“. Entscheidend ist, wie viel Energie insgesamt gefüttert und wie viel davon tatsächlich verbraucht wird.
Menge und Form sollten daher immer individuell an das Pferd angepasst werden.
Häufig gestellte Fragen
Ist Hafer gut für Pferde?
Hafer kann für viele Pferde ein unkompliziertes Energiefutter sein. Entscheidend ist, dass die gefütterte Menge zum tatsächlichen Energiebedarf, zur Haltung, zur Bewegung und zur gesamten Futterration passt.
Macht Hafer Pferde wirklich wild?
Nein. Hafer macht ein Pferd nicht automatisch wild. Er liefert Energie. Nimmt ein Pferd insgesamt mehr Energie auf, als es verbraucht, kann es temperamentvoller oder unausgeglichener wirken. Das gilt jedoch ebenso für andere energiereiche Futtermittel.
Was ist besser für Pferde: Gelbhafer oder Schwarzhafer?
Der Unterschied beim Energiegehalt ist gering und in der praktischen Fütterung meist zu vernachlässigen. Wichtiger sind Qualität, Hektolitergewicht und die tatsächliche Zusammensetzung des Hafers.
Was ist der Unterschied zwischen Grünhafer und normalem Hafer?
Grünhafer wird vor der vollständigen Stärkeeinlagerung in das Korn geerntet. Dadurch enthält er weniger Stärke und mehr Rohfaser als klassischer Hafer. Auch das Calcium-Phosphor-Verhältnis ist günstiger. Die genauen Werte können je nach Produkt variieren.
Sollte Hafer für Pferde gequetscht werden?
Nicht grundsätzlich. Pferde mit gesunden Zähnen können ganzen Hafer gut kauen. Gequetschter oder gewalzter Hafer lässt sich leichter zerkleinern und kann deshalb vor allem für ältere Pferde oder Pferde mit Zahnproblemen interessant sein.
Ist gequetschter Hafer besser verdaulich als ganzer Hafer?
Der Unterschied fällt vergleichsweise gering aus. Durch das Quetschen verbessert sich die Verdaulichkeit nur um ungefähr drei Prozent.