EMS beim Pferd: Mehr als nur ein „Wohlstandsbäuchlein“
Ein runder Bauch, deutliche Fettpolster oder ein ausgeprägter Mähnenkamm werden bei Pferden schnell mit einem liebevollen „Der ist eben gut im Futter“ kommentiert. Doch starkes Übergewicht sollte beim Pferd nicht einfach als Wohlstandsbäuchlein abgetan werden.
Im Zusammenhang mit dem Equinen Metabolischen Syndrom, kurz EMS, spielen Körpergewicht, Fettverteilung, Haltung, Fütterung und Bewegung eine wichtige Rolle. Auch genetische Voraussetzungen können dabei eine Rolle spielen.
Für Pferdehalter bedeutet das vor allem: Körperzustand regelmäßig beobachten, Veränderungen dokumentieren und gemeinsam mit Tierarzt und gegebenenfalls Futterberatung ein passendes Management entwickeln.
In diesem Ratgeber erfährst du, was EMS beim Pferd bedeutet, wie du Gewicht und Körperzustand im Auge behalten kannst und welche Rolle Bewegung und eine individuell abgestimmte Fütterung spielen.
Inhaltsverzeichnis
- Was ist EMS beim Pferd?
- Übergewicht und Körperzustand richtig einschätzen
- BCS und CNS beim EMS-Pferd bestimmen
- Bewegung bei EMS langsam aufbauen
- Fütterung bei EMS individuell gestalten
- Alltag und ergänzende Maßnahmen sinnvoll planen
- Fazit: EMS ist mehr als ein rundes Pferd
- Häufig gestellte Fragen
Was ist EMS beim Pferd?
EMS steht für Equines Metabolisches Syndrom und beschreibt eine Stoffwechselproblematik, bei der unter anderem der Körper- und Ernährungszustand des Pferdes eine wichtige Rolle spielt.
Besonders häufig fällt bei betroffenen Pferden zunächst eine deutliche Fettansammlung auf. Diese kann sich nicht nur am Bauch zeigen, sondern beispielsweise auch am Hals beziehungsweise Mähnenkamm.
Übergewicht gilt dabei als wichtiger Faktor. Gleichzeitig können auch genetische Voraussetzungen beeinflussen, welche Pferde besonders leicht Fettreserven aufbauen.
Deshalb lohnt es sich, nicht nur das tatsächliche Gewicht zu betrachten. Auch die Verteilung der Fettpolster kann wichtige Hinweise für die Beurteilung des Körperzustands liefern.
EMS gehört in fachkundige Hände
Bei Verdacht auf EMS sollte die Einordnung nicht allein anhand einzelner äußerer Merkmale erfolgen.
Körperzustand, Vorgeschichte, Haltung und Fütterung sollten gemeinsam betrachtet und tierärztlich beurteilt werden. Je nach Pferd können weitere Untersuchungen sinnvoll sein.
Gerade bei bereits bestehenden Auffälligkeiten sollte nicht auf eigene Faust mit extremen Diäten oder zahlreichen Ergänzungsfuttermitteln experimentiert werden.
Übergewicht und Körperzustand richtig einschätzen
Bei einem Pferd mit deutlichem Übergewicht steht häufig zunächst die Frage im Raum:
Wie viel wiegt mein Pferd eigentlich?
Am genauesten lässt sich das mit einer Pferdewaage feststellen.
Da eine Waage nicht in jedem Stall verfügbar ist, kann alternativ ein Gewichtsmaßband genutzt werden. Dieses liefert zwar keine genauso genaue Messung, kann aber insbesondere bei regelmäßiger Anwendung dabei helfen, Veränderungen über einen längeren Zeitraum nachzuvollziehen.
Nicht nur auf die Kilogramm schauen
Die reine Gewichtsangabe erzählt allerdings nicht die ganze Geschichte.
Ein großes Warmblut und ein kleines Pony können selbstverständlich nicht anhand derselben Kilogrammzahl beurteilt werden. Außerdem sagt das Gewicht allein wenig darüber aus, wo und in welcher Form das Pferd Körpermasse trägt.
Deshalb können zusätzliche Beurteilungssysteme wie der Body Condition Score und der Cresty Neck Score sinnvoll sein.
Am besten dokumentierst du die Werte regelmäßig unter möglichst vergleichbaren Bedingungen.
BCS und CNS beim EMS-Pferd bestimmen
Um den Körperzustand eines Pferdes strukturierter einzuschätzen, können BCS und CNS gemeinsam betrachtet werden.
Body Condition Score – BCS
Der Body Condition Score bewertet verschiedene Körperregionen des Pferdes.
Beim verbreiteten Henneke-System werden unter anderem:
- Hals,
- Widerrist,
- Schulter,
- Rücken,
- Rippen,
- Hüfte
- und Schweifansatz
betrachtet und abgetastet.
Aus den einzelnen Bewertungen ergibt sich anschließend ein Gesamtwert.
Gerade bei einem geplanten Gewichtsmanagement kann es hilfreich sein, den BCS in regelmäßigen Abständen neu zu bestimmen und die Entwicklung zu dokumentieren.
Cresty Neck Score – CNS
Der Cresty Neck Score konzentriert sich speziell auf den Mähnenkamm.
Hier wird beurteilt, wie ausgeprägt das Fettpolster in diesem Bereich ist.
Gerade weil ein Pferd Fett nicht überall gleichmäßig einlagert, ergänzt der CNS die allgemeine Körperbeurteilung über den BCS.
BCS, CNS und Gewicht gemeinsam dokumentieren
Für einen möglichst guten Überblick kannst du beispielsweise regelmäßig notieren:
- Gewicht beziehungsweise Schätzung über das Maßband,
- BCS,
- CNS,
- Bewegungsumfang
- und gegebenenfalls Veränderungen der Futterration.
So lässt sich die Entwicklung über Wochen und Monate deutlich besser nachvollziehen als allein anhand des täglichen Blicks auf das Pferd.
Bewegung bei EMS langsam aufbauen
Beim Gewichtsmanagement spielt regelmäßige Bewegung eine wichtige Rolle.
Wie intensiv das Training sein kann, hängt allerdings stark vom Ausgangszustand des Pferdes ab.
Ein deutlich übergewichtiges Pferd sollte nicht plötzlich ein anspruchsvolles Trainingsprogramm absolvieren. Stattdessen ist ein langsamer und kontinuierlicher Aufbau sinnvoll.
Mit viel Schritt beginnen
Für Pferde, die bisher wenig gearbeitet wurden oder deutliches Übergewicht tragen, kann zunächst Bewegung ohne Reitergewicht im Vordergrund stehen.
Möglichkeiten sind zum Beispiel:
- Spaziergänge,
- Führen auf längeren Strecken,
- Arbeit als Handpferd,
- lockere Bodenarbeit
- oder ruhige Schritteinheiten.
Erst wenn das Pferd entsprechend vorbereitet ist, kann die Belastung Schritt für Schritt erhöht werden.
Trab langsam ergänzen
Nach längeren Schritteinheiten können nach und nach kurze Trabsequenzen hinzukommen.
Statt sofort lange Strecken am Stück zu traben, können Schritt- und Trabphasen miteinander abgewechselt werden.
Dieses Prinzip lässt sich später weiter ausbauen.
Galopp erst später einplanen
Galopparbeit stellt höhere Anforderungen an das Pferd und sollte entsprechend erst dann hinzukommen, wenn die Grundlagen vorhanden sind.
Das individuelle Trainingsniveau sollte dabei immer zu Körperzustand, Bewegungsapparat und allgemeiner Verfassung passen.
Bei stark übergewichtigen Pferden oder bestehenden gesundheitlichen Einschränkungen sollte das Bewegungsprogramm mit der Tierärztin oder dem Tierarzt abgestimmt werden.
Fütterung bei EMS individuell gestalten
Neben der Bewegung gehört die gesamte Futterration zu den wichtigsten Stellschrauben beim Gewichtsmanagement.
Dabei gilt allerdings nicht:
Je weniger Futter, desto besser.
Eine Ration sollte weiterhin zum Pferd passen und insbesondere die Versorgung über das Raufutter berücksichtigen.
Statt einzelne Futtermittel auf Verdacht drastisch zu reduzieren oder zusätzliche Produkte wahllos einzusetzen, ist eine strukturierte Rationsbetrachtung sinnvoll.
Ration genau kennen
Bei der Fütterungsplanung lohnt es sich, zunächst einen Überblick über die tatsächlich aufgenommenen Futtermengen zu bekommen.
Dazu gehören beispielsweise:
- Heu beziehungsweise anderes Raufutter,
- Weidegras,
- Kraftfutter,
- Mineralfutter,
- Ergänzungsfutter
- und auch Leckerlis.
Gerade kleine Extras werden im Alltag schnell vergessen, obwohl sie zur Gesamtration gehören.
Mineralstoffversorgung nicht nach Gefühl verändern
Auch bei EMS sollte Mineralfutter nicht einfach pauschal erhöht oder reduziert werden.
Die Versorgung sollte zur gesamten Ration und zum individuellen Bedarf passen.
Besteht Unsicherheit, kann eine professionelle Rationsberechnung durch eine unabhängige Futterberatung sinnvoll sein.
Kräuter bewusst auswählen
In der Pferdefütterung werden auch verschiedene Kräuter traditionell eingesetzt.
Dazu gehören beispielsweise:
- Artischocke,
- Brombeere,
- Isländisches Moos,
- Birkenblätter,
- Brennnessel
- und Löwenzahn.
Solche Kräuter sollten jedoch nicht als Ersatz für ein passendes Gewichts-, Bewegungs- und Fütterungsmanagement betrachtet werden.
Achte auf Zusammensetzung und Fütterungsempfehlung des jeweiligen Produkts und berücksichtige Kräutermischungen immer innerhalb der gesamten Tagesration.
Alltag und ergänzende Maßnahmen sinnvoll planen
Gewichtsmanagement ist selten eine Sache von wenigen Tagen.
Viel wichtiger ist ein Alltag, der sich langfristig und konsequent umsetzen lässt.
Statt kurzfristiger Extremmaßnahmen helfen klare Routinen dabei, die Entwicklung des Pferdes nachvollziehbar zu gestalten.
Regelmäßige Bewegung statt einzelner intensiver Einheiten
Für viele Pferde ist es sinnvoller, regelmäßig moderate Bewegung einzuplanen, als nur gelegentlich besonders intensive Trainingseinheiten durchzuführen.
Je nach Möglichkeiten können dabei auch mehrere kürzere Bewegungseinheiten in den Alltag integriert werden.
Wichtig ist, dass die Belastung zum Pferd passt und langsam gesteigert wird.
Ergänzende Bewegungsmöglichkeiten
Je nach Pferd und verfügbaren Möglichkeiten können zusätzlich unterschiedliche Angebote genutzt werden.
Dazu gehören beispielsweise:
- Aquatrainer,
- Schwimmen,
- Balance Pads,
- Massage
- oder Vibrationstraining.
Solche Anwendungen ersetzen jedoch weder eine passende Fütterung noch ein strukturiertes Bewegungsprogramm.
Verlauf regelmäßig überprüfen
Gerade weil Veränderungen am Körper häufig schleichend stattfinden, lohnt sich eine wiederkehrende Kontrolle.
Zum Beispiel kannst du einmal im Monat:
- Gewicht oder Umfang messen,
- BCS bestimmen,
- CNS bestimmen,
- Fotos aus denselben Perspektiven aufnehmen
- und den Trainingsumfang dokumentieren.
Dadurch wird sichtbar, ob sich die bisherige Strategie in die gewünschte Richtung entwickelt.
Geduld gehört dazu
Eine deutliche Veränderung des Körperzustands entsteht nicht über Nacht.
Entscheidend ist ein langsamer, kontrollierter und zum Pferd passender Weg statt einer kurzfristigen Radikallösung.
Bei EMS oder einem entsprechenden Verdacht sollten Tierarzt, Haltung, Bewegung und Fütterung gemeinsam betrachtet werden.
Fazit: EMS ist mehr als ein rundes Pferd
Ein kräftiger Bauch oder ausgeprägte Fettpolster sollten beim Pferd nicht einfach als harmloses „Wohlstandsbäuchlein“ betrachtet werden.
Beim Management von Pferden mit EMS beziehungsweise entsprechendem Verdacht spielen vor allem Körperzustand, Gewicht, Bewegung, Haltung und eine individuell abgestimmte Fütterung zusammen.
Eine Pferdewaage liefert die genaueste Gewichtskontrolle. Zusätzlich können BCS und CNS helfen, Veränderungen am Körper regelmäßig und strukturiert zu dokumentieren.
Beim Training gilt: langsam starten und die Belastung kontinuierlich steigern. Besonders bei stark übergewichtigen Pferden können Spaziergänge, Handpferdearbeit und längere Schrittphasen einen geeigneten Einstieg darstellen.
Fütterung und Ergänzungsfutter sollten dagegen nicht pauschal nach Gefühl verändert werden. Eine individuelle Rationsbetrachtung und die fachliche Begleitung durch Tierarzt und gegebenenfalls Futterberatung schaffen eine bessere Grundlage für ein langfristiges Management.
Häufig gestellte Fragen
Was bedeutet EMS beim Pferd?
EMS steht für Equines Metabolisches Syndrom. Bei der Beurteilung spielen unter anderem Körperzustand, Fettverteilung, Haltung, Fütterung und die individuelle Vorgeschichte des Pferdes eine Rolle.
Sind alle Pferde mit EMS übergewichtig?
Übergewicht und auffällige Fettpolster können im Zusammenhang mit EMS eine wichtige Rolle spielen. Die individuelle Einordnung sollte jedoch immer fachlich erfolgen und nicht allein anhand des äußeren Erscheinungsbildes.
Wie kann ich das Gewicht meines Pferdes kontrollieren?
Am genauesten ist eine Pferdewaage. Ist keine Waage verfügbar, kann ein Gewichtsmaßband zur regelmäßigen Verlaufskontrolle genutzt werden. Ergänzend können BCS und CNS bestimmt werden.
Was bedeuten BCS und CNS beim Pferd?
BCS steht für Body Condition Score und beurteilt den Körperzustand anhand mehrerer Regionen. Der CNS, also Cresty Neck Score, betrachtet speziell die Ausprägung des Mähnenkamms. Beide Werte können gemeinsam genutzt werden, um Veränderungen besser zu dokumentieren.
Welche Bewegung eignet sich für ein übergewichtiges Pferd?
Das hängt vom individuellen Ausgangszustand ab. Bei deutlich übergewichtigen Pferden kann zunächst viel kontrollierte Bewegung im Schritt sinnvoll sein, beispielsweise bei Spaziergängen oder als Handpferd. Die Belastung sollte anschließend schrittweise gesteigert werden.
Welche Kräuter können bei einem EMS-Pferd gefüttert werden?
In entsprechenden Kräutermischungen werden beispielsweise Artischocke, Brombeere, Isländisches Moos, Birkenblätter, Brennnessel oder Löwenzahn verwendet. Die Auswahl sollte jedoch zur gesamten Ration passen und nicht das grundlegende Fütterungs- und Bewegungsmanagement ersetzen.
Wann sollte ich bei Verdacht auf EMS einen Tierarzt hinzuziehen?
Wenn dein Pferd deutliche Veränderungen des Körperzustands zeigt oder der Verdacht auf eine Stoffwechselproblematik besteht, sollte die weitere Einordnung tierärztlich erfolgen. Das gilt insbesondere, wenn zusätzliche Auffälligkeiten auftreten.